Industrievereinigung Odenwaldkreis besorgt um Zukunftschancen des Odenwaldkreises
Datum: 28.2.2011Erbach. Auf seiner jüngsten Sitzung beschäftigte sich der Vorstand der Industrievereinigung Odenwaldkreis (IVO) auch ausführlich mit den Zukunftschancen der Region. Um sich ein möglichst objektives und umfassendes Bild zu machen, hat Klaus Blank (Michelstadt) sechs aktuelle Vergleichsstudien und Prognosen ausgewertet und sein Augenmerk besonders auf die Frage gerichtet: "Wie wird unsere Region als Wirtschaftsstandort von draußen wahrgenommen?" Das Ergebnis ist ernüchternd und gibt allen Grund zur Sorge.
"Alle sechs Studien kommen letztlich zu dem gleichen Ergebnis", leitete der geschäftsführende Vorstand Hermann Braun (Erbach) die Diskussion ein. Die Folgen des demografischen Wandels und die weitere Schwächung der Wirtschaftskraft werden sich überproportional negativ auf den schärfer werdenden Wettbewerb um den Standort auswirken, befürchtete Blank in einer ersten Zusammenfassung. Zu Rate gezogen hat der Kommunikations- und Unternehmensberater unter anderem das Gutachten der Industrie- und Handelskammer (IHK) zum "Einfluss des demografischen Wandels auf Wirtschaftswachstum und Wirtschaftsstruktur in der Region Rhein Main Neckar bis zum Jahr 2050" (Februar 2010), die "Bevölkerungsvorausschätzung für die hessischen Landkreise und kreisfreien Städte" der Hessen Agentur GmbH (Januar 2011) sowie den "Prognos Zukunftsatlas" vom November 2010. Rangierte bei letzterem der Odenwaldkreis vor sechs Jahren noch auf Platz 306, zählt die Region mit Position 337 unter den 412 Landkreisen und kreisfreien Städten aktuell zu den Risikogebieten im untersten Drittel, haben die Schweizer Forscher herausgefunden. Zu den 29 makro- und sozioökonomischen Indikatoren zählen unter anderem Dynamik und Stärke, Wohlstand und soziale Lage sowie Wettbewerb und Innovation.
Auffällig ist, dass vergleichbare Landkreise wie Miltenberg (Rang 189) und Main-Spessart (134) ihre Positionen dagegen um rund 70 beziehungsweise 130 Plätze verbessern konnten. Die These, dass bevölkerungs- und strukturschwache Regionen automatisch zu den Verlierern zählen, sei damit eines besseren belehrt worden. "Es gibt ländliche Räume, die ihr Potenzial genutzt haben", so Blank, der daraus einen Nachholbedarf bei "der Wirtschaftsförderung aus der Sicht der heimischen Wirtschaft" ableitete. Noch unzureichend sei im politischen und öffentlichen Bewusstsein angekommen, dass die Wirtschaftsförderung des Odenwaldkreises "eine Schlüsselrolle für die interkommunale Wirtschaftsförderung einnimmt". Nicht erkennbar sei ferner "ein zielbezogener und nachprüfbarer Geschäftsplan". Auch Bernd Lang (Erbach) warf die Frage nach einem fehlenden Standortmarketing auf: "Wo ist die Vision?" Auch beim "Focus-Money Landkreis-Ranking" (Dezember 2010) nimmt der Odenwaldkreis im südhessisch-bayerischen Grenzraum mit Abstand das Schlusslicht ein. Bewertet wurden hier Faktoren wie Arbeitslosenquote, Bruttoinlandsprodukt, verfügbares Einkommen und Investitionen im verarbeitenden Gewerbe.
Den Blick speziell auf Südhessen richtet das "Mittelzentren-Ranking für die Region Rhein Main Neckar", das die IHK Darmstadt im Oktober 2010 zum zweiten Mal erstellt hat. Anhand von 35 Parametern wurden die 16 Mittel- und vier Unterzentren auf ihre kommunalen Standortbedingungen, ihre Kaufkraft, Verkehrsinfrastruktur, Bevölkerung und den Tourismus hin unter die Lupe genommen. In der Summe rangiert der Odenwaldkreis auf dem letzten Platz unter den vier Landkreisen. Im Einzelvergleich haben Erbach (Platz 12) und Michelstadt (15) sich gegenüber dem Ranking aus dem Jahr 2007 allerdings gut behauptet. Erbach rutsche um einen Platz ab; Michelstadt verbesserte sich um zwei Plätze.
Ein differenziertes Bild zeichnet ein Blick auf Auszüge aus der Studie des Pestel Instituts zur "Regionalen Krisenfestigkeit" (Dezember 2010), bei dem Blank bewusst bislang nicht genannte Indikatoren im großräumigen Vergleich zusammengestellt hat. So ist der Kreis bei den kommunalen Schulden in guter Gesellschaft mit den Landkreisen Bergstraße und Groß-Gerau sowie den Städten Darmstadt, Offenbach und Frankfurt. Die Vergleichskreise Miltenberg und Main-Spessart dagegen setzen sich positiv ab. Beim Wanderungssaldo dagegen plagen Miltenberg dieselben Sorgen wie den Odenwaldkreis, während alle anderen Regionen fast einheitlich gut ein Drittel geringere Verluste hinnehmen müssen. Nicht zuletzt, wird, wie bereits berichtet, die Einwohnerzahl des Kreises weiter überproportional abnehmen, was in 20 Jahren ein Verlust von sieben Prozent gegenüber dem Jahr 2009 bedeutet. Der Anteil junger Menschen wird immer geringer; was den Fachkräftemangel zusätzlich anheizen wird.
In der Gesamtbetrachtung forderte IVO-Vorsitzender Jürgen Walther (Bad König) rasche Handlungsschritte in Richtung "Entwicklung, Vermarktung und Umsetzung eines an den relevanten Zielen ausgerichteten Serviceangebots" durch eine gestärkte Wirtschaftsförderung. Denn: "Was hier steht, ist das, was unsere Mitgliedsbetriebe bereits erleben und uns berichten", so Walther. Begrüßt wurde daher die Bündelung der Kräfte in einer strategischen Neuaufstellung der kreiseigenen Wirtschaftsförderung unter Einbeziehung der heimischen Wirtschaft in einer regionalen Wirtschaftskommission. In den Fokus setzen will die IVO dabei die Ziele Ausbildung, Image und Infrastruktur.
- Der Odenwaldkreis im Blickfeld aktueller Vergleichsstudien und Prognosen (von Klaus Blank - IVO)
- Der Einfluss des demographischen Wandels auf Wirtschaftswachstum und Wirtschaftsstruktur in der Region Darmstadt Rhein Main Neckar bis zum Jahr 2050 (Gutachten im Auftrag der IHK Darmstadt Rhein Main Neckar)
- Bevölkerungsvorausschätzung für die hessischen Landkreise und kreisfreien Städte
- Regionale Krisenfestigkeit (Pestel Institut, Dez. 2010)
- Mittelzentren-Ranking für die Region Rhein-Main-Neckar (IHK Darmstadt, Okt. 2010)
- Focus-Money Landkreis-Ranking, Dez. 2010
- Der Prognos-Zukunftsatlas (zuletzt erschienen Ende 2010)

